Ihr braucht nicht zu erröten

Blickt auf zu ihm, so wird euer Gesicht leuchten, und ihr braucht nicht zu erröten. Psalm 34,6


Gleich nach dem Abitur machte ich meinen Führerschein, aber mangels Auto fehlte mir viele Jahre lang die Fahrpraxis. Irgendwann hatte ich dann einen kleinen alten Wagen und fing mit Zittern und Zagen das Fahren wieder an. Ich erinnere mich, wie ich zu dieser Zeit einmal eine Bekannte besuchte und sie mich beim Verabschieden bis zum Auto begleitete. Mir war es nicht so recht, dass mir jemand beim Ausparken zusah, aber noch viel schlimmer war, dass das Auto erst nicht ansprang und ich es beim zweiten Versuch abwürgte. Ich spürte, wie mir die Hitze den Rücken hochstieg, und mit einem letzten Fetzchen Würde schaffte ich es endlich, den Motor in Gang zu bringen. Lächelnd sagte meine Bekannte durch das offene Fenster: "Du bist die einzige Frau, die ich kenne, der man sogar von hinten ansieht, wie sie rot wird. Das ist einfach süß!"


Süß - von wegen! Von Kindheit an habe ich darunter gelitten, dass ich so schnell rot werde, und ich hasse diese Glut im Gesicht und das Gefühl, bloßgestellt zu sein. Je älter ich wurde, desto mehr verlor sich das Erröten, aber in gewissen Momenten so wie bei diesem verunglückten Start mit dem Auto bin ich wieder ein kleines unfähiges Mädchen, das sich am liebsten irgendwo verkriechen würde.


Als ich den Vers aus Psalm 34 das erste Mal las, traf er mich mitten ins Herz. Hier weiß einer, wie erbärmlich es sich anfühlt, vor Scham im Boden versinken zu wollen. Und hier habe ich eine gewaltige Zusage: Auch wenn Menschen mir manchmal das Gefühl geben, ungenügend zu sein, bei Gott ist das anders. Er, der allen Grund hat, Menschen zu verdammen, weil keiner seinen Maßstäben genügt, er, der vollkommen heilig und gut ist, er hält mir meine Mängel und mein Versagen nicht vor. Ich stehe nicht wie ein unartiges Kind vor einem strengen Lehrer oder wie ein Übeltäter vor einem unbarmherzigen Richter. Ich muss nicht auf meine Füße starren und mich auf ein Donnerwetter gefasst machen, sondern ich darf die Augen heben und vor Freude strahlen, weil ein liebevoller Blick auf mich gerichtet ist. Mit dem Vertrauen eines Kindes, das ohne Zögern in die geöffneten Arme des Vaters rennt, darf ich zu meinem Gott kommen.


Als David diesen Psalm schreibt, ist er auf der Flucht vor Saul. Er kann sein Leben nur retten, indem er sich wahnsinnig stellt. Vor kurzem ist er noch ein gefeierter Held gewesen, nun wird er verächtlich angeschaut. Menschlich gesehen ist er völlig abgestürzt. Aber in dieser Situation, als er ganz unten ist und nichts mehr darstellt, erschließt sich ihm Gottes mütterlich tröstendes Wesen. Gott nimmt ihn ganz nah zu sich her, er stellt sich schützend vor ihn, richtet ihn auf, berührt zart und heilend sein zerbrochenes Herz. Der ganze Psalm beschreibt, wie zutiefst geborgen und angenommen sich David bei Gott erlebt.


Mein Ansehen bei den Menschen ist oft davon abhängig, wie erfolgreich ich bin, ob ich gut aussehe und wie sicher ich auftrete. Wenn ich besonders souverän wirken will und dann mein Auto nicht in Gang bringe, bricht mir vielleicht ein kleiner Zacken aus der Krone. Wenn ein Mann König werden will und dann wie ein Verrückter daherkommt, ist von der Krone gar nichts mehr übrig. Aber unser Ansehen bei Gott beruht nicht auf etwas, das wir machen oder darstellen können. Es beruht allein auf seiner Liebe und Güte. Je tiefer ich menschlich gesehen sinke, desto mehr merke ich, dass diese menschlichen Maßstäbe bei ihm nicht zählen.


In dem Psalmvers hier nimmt David vorweg, was Jesus später im Gleichnis vom verlorenen Sohn noch deutlicher beschreibt: Der Sohn will sein Glück machen und landet bei den Schweinen. Sein Erbe ist weg, sein Ansehen ist weg, er hat allen Grund, sich zu schämen. Und der Vater hat allen Grund zu sagen: "Ich wusste gleich, dass das nichts wird. Ich kann nur hoffen, dass du etwas daraus gelernt hast." Aber das sagt der Vater in dem Gleichnis nicht. Er richtet den Sohn auf, er fällt ihm um den Hals, er feiert ein Willkommensfest!