Girl meets boy? Eine Teeniegeschichte

Als ich ihn das erste Mal bemerkte, spielte er Gitarre in einem Jugendgottesdienst. Dem Prinzen meiner Träume glich er nicht im Geringsten: Seine Statur war eher gedrungen als athletisch, die mittelbraunen Haare reichten ihm fast bis zum Kinn und kräuselten sich widerspenstig an den Enden. Aber mir gefiel sein breiter Mund mit den vollen, fast weiblichen Lippen. Ich war fasziniert.

Zu gern hätte ich mehr über ihn gewusst. Wie hieß er? In welche Klasse ging er? Ihn nach dem Gottesdienst anzusprechen war undenkbar. Die bloße Vorstellung löste schweißnasses Entsetzen bei mir aus.

So trödelte ich nach dem Segenslied durch die schmucklosen Gänge des Gymnasiums zum Klassenzimmer der 8b und schloss mich dem kleinen Grüppchen meiner Mitschülerinnen an. Unsere heftig pubertierenden Klassenkameraden turnten wie üblich vor der Tür herum. Sie waren Welten entfernt von der männlichen Abgeklärtheit der Zehntklässler neben uns.

"Und, wie war‘s?", erkundigte sich meine Freundin Lisa. "Hat es sich gelohnt, früher aufzustehen?"

"Und wie!", antwortete ich. "Es war toll!" Ich hätte sie gern beiseite gezogen, um mehr zu erzählen, aber da öffnete unser Deutschlehrer das Klassenzimmer. Auch nebenan schlurften die Jugendlichen in ihren Raum. Kurz bevor sich die Tür schloss, hallten schnelle Schritte über den Steinboden. Ich hatte meinen Blick eher beiläufig zur Nachbarklasse schweifen lassen, doch plötzlich überfiel mich ein heißer Schreck: Der Nachzügler, der sich abhetzte, um nicht zu spät zum Unterricht zu erscheinen, war "mein" Gitarrist! Mit wild pochendem Herzen starrte ich auf die Tür, durch die er schnell noch geschlüpft war.

"Viola, beehrst du uns auch mit deiner Anwesenheit?", riss Becker mich unsanft aus meiner Versunkenheit. Mit einer gemurmelten Entschuldigung hastete ich zu meinem Platz.

"Was ist los?", fragte Lisa leise. Ich spürte die Augen des Lehrers auf mir und wartete mit gesenktem Kopf, bis sich seine Aufmerksamkeit auf ein anderes Opfer richtete. "Ich glaub, ich hab mich verknallt", schrieb ich auf einen Zettel und schob ihn unauffällig zu Lisa. Sie warf mir einen neugierigen Seitenblick zu und ich schrieb weiter: "In einen aus der Zehnerklasse neben uns. Er spielt Gitarre. Später mehr!" Lisa grinste erwartungsvoll und nickte.

Sobald die Stunde vorbei war, ließen Lisa und ich alles stehen und liegen und stürmten in die Pause. Wir postierten uns unauffällig am Treppengeländer, von wo wir das benachbarte Zimmer gut im Blick hatten. Aufgeregt erzählte ich Lisa, wie ich auf den Zehntklässler aufmerksam geworden war.

"Da, schau, das ist er!" Mein Schwarm kam aus dem Raum getrottet und blieb mit einem Kameraden zusammen stehen. Schnell wandte ich den Blick ab. "Jetzt sind die Zehner schon fast zwei Wochen lang neben uns. Komisch, dass ich ihn bisher nie bemerkt habe. Und, wie findest du ihn?"

"Total sympathisch", sagte sie beifällig. "Jetzt brauchst du nur noch eine Gelegenheit, um ihn anzusprechen!"

Ich schüttelte mich. "Bloß nicht. Das kann ich nicht."

"Ach was. Du -"

"Wen beobachtet ihr da so gespannt?", mischte sich Nadine in unser Gespräch. Sie war sehr geschickt darin, sich unbemerkt anzuschleichen und Dinge aufzuschnappen, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren.

"Niemand, den du kennst!", fauchte Lisa feindselig.

"Wir kennen ihn ja eigentlich auch nicht", warf ich schnell ein, um die Situation zu entschärfen.

"Aha. Interessant." Lässig schüttelte sich Nadine die blonden Locken aus dem Gesicht und lehnte sich neben uns ans Geländer. Die meisten Zehntklässler hatten sich inzwischen zerstreut, doch der Gitarrist stand noch an der Garderobe und unterhielt sich mit seinem Freund. Nadine lachte schadenfroh. "Den Braunhaarigen kenne ich sehr wohl", trumpfte sie auf. "Aber von mir erfahrt ihr den Namen nicht!"

Ich spürte, wie sich mein Magen vor Aufregung zusammenzog. Da ertönte der Gong. Der Gitarrist klemmte sich seine Tasche unter den Arm und verschwand nach links, während sein Kamerad in die andere Richtung eilte.

Als wir über den Gang zum Klassenzimmer spurteten, blieb ich dicht neben Nadine. "Sei doch nicht so gemein", bedrängte ich sie. "Sag mir, wie er heißt." Sie schüttelte nur den Kopf.

Im Klassenraum war es in der Pause wieder einmal wild zugegangen. Lisa und ich mussten einige Hefte und Stifte vom Boden aufheben, bevor wir uns setzen konnten. Zu meiner Überraschung bückte sich Nadine, um uns zu helfen, und murmelte mir zu: "Na gut, ich bin ja nicht so. Der Typ heißt Nils Stadelmann. Er wohnt in Immendingen und fährt manchmal mit dem gleichen Bus wie ich."

"Danke!"

Sie starrte auf ein paar Blätter, die sie in der Hand hielt, und legte sie mit einem merkwürdig zufriedenen Gesichtsausdruck auf unserer Bank ab. Der Englischlehrer räusperte sich ungeduldig und schnell nahmen wir unsere Plätze ein.

Nils. Endlich hatte ich einen Namen für meinen Gitarristen. Kichernd malte Lisa mir ein Herzchen ins Englischheft und schrieb Viola + Nils dazu.

 

In der großen Pause hakte sich Lisa bei mir unter. "Also, gucken wir mal, wo dein Nils sich rumtreibt!"

"Mein Nils, ha ha. Schön wär’s."

Wir schlenderten durch das Gewimmel der Schüler zu den großen Kastanien, die mit einer niedrigen Steinmauer eingefasst waren. Dies war ein beliebter Treffpunkt der Mittel- und Oberstufe. Tatsächlich saß Nils auf dem Mäuerchen. Er schien allein zu sein.

"Los, geh zu ihm hin", drängte Lisa.

"Spinnst du? Und was soll ich dann sagen? Hallo, ich finde dich toll, oder was?"

"Nein! Dass dir der Gottesdienst gefallen hat oder so. Ist doch nichts dabei."

Ich schüttelte entsetzt den Kopf, als sie mich plötzlich fest am Arm packte. "Was macht die denn?"

Sie meinte Nadine: Zielstrebig näherte sie sich Nils von der anderen Seite und tippte ihn an. Sie hatte uns ebenfalls bemerkt und grinste boshaft. Nils drehte sich zu ihr. Sie schien ihm einen Zettel zu geben und ihm etwas zu erklären, wobei sie in unsere Richtung gestikulierte. Das Briefchen, das ich Lisa geschrieben hatte! Es musste Nadine in die Hände gefallen sein. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, als Nils plötzlich seinen Blick auf mich richtete und die Augenbrauen hochzog. Kopfschüttelnd drückte er Nadine den Zettel wieder in die Hand.

"Diese hinterhältige Ziege!", zischte Lisa neben mir und zog mich mit sich weg. Mit wackligen Beinen folgte ich ihr, rempelte ein paar Leute an, ohne es richtig wahrzunehmen, und spürte nichts weiter als meinen dröhnenden Herzschlag.

Ich wollte Nils nie mehr sehen. In den nächsten Pausen verkroch ich mich im Klassenzimmer und nach dem Gong zur Mittagspause flitzten Lisa und ich als Erste davon. Wir rannten die Treppe hinunter und hatten das Schulgebäude verlassen, bevor der große Pulk sich durch die Gänge wälzte. In der Stadt setzten wir uns auf den Rand des Marktbrunnens und besprachen die Lage. "Du kannst dich nicht ewig verstecken und abhauen, nur um Nils nicht zu treffen", meinte Lisa. "Du solltest dich lieber so verhalten, als wäre nichts gewesen."

"Was, nachdem er von mir gelesen hat, dass ich mich in ihn verknallt habe? Das ist so endlos peinlich, ich würde am liebsten im Boden versinken."

"Ja, okay, das ist ein bisschen unangenehm. Aber wenigstens hat er dich jetzt auch bemerkt."

Ich stöhnte nur laut auf.

Lisa ließ die Hand durch das kühle Brunnenwasser gleiten und schnippte ein paar Tropfen zu mir. "Hey, beruhig dich! Heut Nachmittag haben die Zehner frei. Jedenfalls war ihr Zimmer letzten Mittwoch nach der Mittagspause leer."

"Für heute gerettet, hurra! Und was machen wir jetzt? Ich muss im Schreibwarenladen noch ein Heft besorgen."

"Oh, ich hab meiner Mutter versprochen, ihre Fotos vom Schlecker abzuholen. Dann treffen uns eben nachher in der Schule wieder, ja?"

Ich kaufte das Heft und spazierte am Busbahnhof vorbei Richtung Gymnasium. In Gedanken war ich wieder bei der unglücklichen Situation in der großen Pause und wünschte mir alles ungeschehen. An der Bank vor mir lehnte ein Gitarrenkoffer und daneben saß jemand entspannt in der Sonne, den Kopf in den Nacken gelegt, die Beine lang ausgestreckt.

Nils. Natürlich. Der letzte Mensch, dem ich über den Weg laufen wollte. Vielleicht würde er mich nicht bemerken, wenn ich schnell vorbei huschte? Oder sollte ich lieber umkehren? Ich stockte mitten im Schritt, Nils öffnete die Augen und sein Blick fiel direkt auf mich. Ich spürte, wie mir flammend die Röte ins Gesicht schoss. Schnell wollte mich abwenden und die Flucht ergreifen, da sah ich, dass er lächelte.

"Hallo Viola! So heißt du doch, oder?", sagte er ungezwungen und klopfte einladend mit der Hand auf den freien Platz neben sich.

Ich hatte Angst, meine Beine würden unter mir nachgeben, aber ich schaffte es, die zwei Schritte in seine Richtung zu stolpern und mich neben ihn zu setzen.

Noch immer lächelnd drehte er das Gesicht zu mir. Ich senkte verlegen den Blick und überlegte fieberhaft, was ich sagen könnte. "Der Jugendgottesdienst heut Morgen war wirklich gut", brachte ich schließlich mit piepsiger Stimme hervor. Ich räusperte mich. "Vor allem die Lieder haben mir super gefallen."

"Ja, die mag ich auch gern", antwortete er. Er klang so freundlich und locker, dass meine Anspannung etwas nachließ. "Ich gehöre zu einer christlichen Jugendgruppe", erklärte er. "Da singen wir viele solche Lieder. Vielleicht hast du ja mal Lust zu kommen?" Als er mein Zögern bemerkte, fügte er hinzu: "Das sind wirklich alles total nette Leute. Trau dich einfach!"

"Ich weiß nicht. Ich war mal in einer Jugendgruppe von meiner Kirche und das hat mir irgendwie nicht gefallen."

"Echt nicht? Was habt ihr denn da gemacht?"

Erst stockend, dann zunehmend freier schilderte ich ihm den beklemmenden Abend im Gemeindezentrum, und im Gegenzug erzählte er mir von ausgelassenen Jugendstunden und Freizeiten, bis ich große Lust bekam, selbst einmal dabei zu sein. Ich ertappte mich, wie ich unbefangen mit Nils lachte und ihn ansehen konnte, ohne rot zu werden. Als ich aufbrechen musste, versprach ich ihm, am nächsten Abend in die Jugendgruppe zu kommen.

"Weißt du was, Viola", sagte er, "mein Bus kommt erst in einer Viertelstunde, also hab ich noch massig Zeit. Ich begleite dich schnell zur Schule rüber."

"Wirklich?", fragte ich ungläubig. "Und was ist mit deiner Gitarre? Willst du die noch mal hin und her schleppen?"

Er grinste. "Ach was. So schwer ist die nicht." Er schnappte sich Koffer und Schultasche und schlenderte neben mir her. "Was hast du heut Nachmittag noch?"

"Gemeinschaftskunde."

"Ach, den alten Habich, oder? Ist nicht gerade der spritzigste Unterricht - pass auf, dass du nicht einschläfst!"

Lachend und plaudernd erreichten wir die Schule. Vor dem Klassenzimmer tummelten sich schon die meisten meiner Mitschüler und Kameradinnen. Lisa riss freudig überrascht die Augen auf, als sie mich mit Nils sah, während Nadine gequält das Gesicht verzog. Nils streifte sie mit einem kühlen Blick, bevor er mir über das Stimmengewirr meiner Klasse zurief: "Mach’s gut, Viola! Wir sehen uns morgen!"

 

Viele Monate später, als längst keine Fremdheit mehr zwischen uns war, erzählte er mir, wie sehr er sich über Nadine geärgert hatte. "Ich fand ihr Verhalten unmöglich und wollte es irgendwie ausgleichen." Er lächelte. "Das war auch gut so." Er winkte seiner Freundin zu, die gerade das Zimmer betrat. "Und wer hätte gedacht, dass es zwischen dir und Ben so funken würde? Gottes Wege sind wunderbar!"