Öffne mir die Augen

Öffne mir die Augen für das Wunderbare an deiner Weisung! Psalm 119,18


Gottes Wort ist ein unbezahlbarer Schatz, als Christen wissen wir das. Es ist eine Quelle der Weisheit, des Trostes und des Heils. Es wird immer neu lebendig und kann direkt in unser Leben hineinsprechen. Wir sind davon überzeugt, dass wir Gott besser kennen lernen und im Glauben wachsen, wenn wir dieses Wort möglichst oft, am besten jeden Tag auf uns wirken lassen.

Doch obwohl wir Zeit haben, die Tageszeitung zu lesen, mit einer Freundin zu telefonieren, im Fernsehprogramm zu blättern und zum Vergnügen im Internet zu surfen, kommen wir nicht so recht dazu, regelmäßig die Bibel aufzuschlagen.


Woran kann das liegen, wenn es uns doch an Überzeugung und Zeit nicht wirklich mangelt?


In einem Buch über die Erfüllung persönlicher Träume bin ich neulich auf eine Erklärung gestoßen, die ich sehr einleuchtend finde. Die Autorin spricht dort von Widerständen, die gerade dann in uns stark werden, wenn wir uns aus dem vertrauten Trott herausbewegen und etwas Neues in Angriff nehmen wollen. Veränderung anzustreben bedeutet immer auch, die Sicherheitszone des Altbekannten zu verlassen, und der Mensch ist in der Regel so gestrickt, dass er lieber im bisherigen Zustand verharrt, auch wenn er dort nicht so glücklich ist, als das Risiko einzugehen, dass seine vertraute Welt erschüttert wird. Darum ist es oft so, dass die großen Veränderungen ungewollt über uns hereinbrechen, durch Geschehnisse von außen, die wir nicht steuern können. Im Nachhinein sind wir vielleicht sogar froh und dankbar, dass sich etwas bewegt hat, aber wir hätten es nicht in Gang gesetzt.


Wenn Gott durch sein Wort zu uns spricht, kann es sein, dass wir uns plötzlich auf den Weg machen und Neues wagen. Er hinterfragt uns, ermutigt uns, korrigiert uns, zieht uns mit seiner Liebe zu sich und schafft durch seinen Heiligen Geist Veränderung in uns. Wenn ich zwar ab und zu jammere, dass ich mir mehr von Gottes Gegenwart in meinem Leben wünsche, im Grunde meines Herzens aber gern so bleiben möchte, wie ich bin, dann ist es kein Wunder, dass ich mich nicht jeden Tag freudig auf die Bibel stürze. Schließlich ist es ein hochexplosives Buch, das mein Leben auf den Kopf stellen kann, wenn seine Botschaft mich ins Herz trifft.


Ein anderer Grund, warum es uns so schwer fällt, am regelmäßigen Bibelstudium dran zu bleiben, ist, wie es der Professor für Psychotherapie Dr. Michael Dieterich aufzeigt, dass das Gesetz der Entropie auch in unserem alltäglichen Leben zum Tragen kommt. Dieses Gesetz besagt, dass jedes System, wenn es sich selbst überlassen wird, die Tendenz entwickelt, in einen chaotischen, zerstreuten, planlosen Zustand überzugehen. Ganz deutlich kann man diese Tendenz beobachten, wenn man als eifrige Hausfrau gerade die Wohnung auf Hochglanz gebracht hat. Innerhalb kürzester Zeit erobern sich Unordnung und Schmutz ihren angestammten Bereich zurück und wenn man ihnen nicht wehrt, verwandelt sich der Haushalt vor unseren Augen in ein Chaos.


In der gefallenen Schöpfung herrscht ein stetes Bestreben, sich der ordnenden Kraft Gottes zu entziehen, und auch wir Menschen stehen unter diesem Fluch. Wir mögen den guten Willen haben, in unserem Leben aufzuräumen, doch die sichtbaren Erfolge sind klein und die Rückschläge zahlreich. Schon der Apostel Paulus spricht davon, dass das Wollen bei ihm vorhanden ist, die Verwirklichung des Guten aber nicht gelingt (Römer 7,18). Und wenn ein so gewaltiger Christ wie Paulus mit solchen Schwierigkeiten kämpft, sollte es mich da wundern, dass ein schwächerer Geist wie ich an dieser Stelle auch nicht besser dasteht?


Ob nun der Widerstand aus Angst vor dem Verlassen der Sicherheitszone oder das Gesetz der Entropie dafür verantwortlich ist, dass ich die Bibel weniger zur Hand nehme, als ich es dem eigenen Bekenntnis nach wünsche - ich erkenne die Tatsache an, dass ich hier allein nicht weiterkomme. Ich brauche Hilfe. Ich brauche einen, der den Widerstand überwindet und mich stark macht, gegen den Strom des Entropie-Gesetzes zu schwimmen.


Für mich ist dieser Helfer der Heilige Geist. Wenn ich mich dem Psalmdichter anschließe und bete: "Öffne mir die Augen für das Wunderbare an deiner Weisung", dann meine ich damit: "Begeistere mich für dein Wort. Weck ein Verlangen in mir, dir zu begegnen, so stark, dass kein Widerstand mich bremsen kann. Mach dein Wort in mir lebendig, sprich zu mir und zieh du mich selbst zu dir. Mein Wollen ist nicht stark genug, um immer konsequent, treu und diszipliniert zu sein. Das Wenige, was ich an Bereitschaft habe, geb ich dir und bitte dich, es zu vermehren. Öffne mir die Augen für den Reichtum, den du mir schenken willst, und bring du all das Gute in meinem Leben hervor, das du mir zugedacht hast."


Auf dieses Gebet hält die Bibel eine Antwort bereit. Sie sagt zu mir und zu uns allen, die wir uns fragen, wie es gelingen kann, intensiver mit Gott zu leben (Philipper 2,12-13): "Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil" - also: Nehmt die Sache mit Gott ernst, stellt euch zur Verfügung, lasst nicht nach in eurem Eifer - und weiter: "Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus."


Mein guter Wille ist das Samenkorn, aus dem Gott als großer Gärtner mehr zaubert, als ich mir träumen lasse. Wie wunderbar ist Gottes Wort! Wie wunderbar ist Gott!